| Aktuelle Meldung | Nr. 008
Impuls von Kardinal Mario Grech
Die Einigkeit im Glauben aller Getauften (1)
Synodalität für eine Kirche, die besser in der Lage ist, Beziehungen zu pflegen (2)
Liebste Brüder und Schwestern,
die Gabe der Freude im Heiligen Geist begleitet meine Anwesenheit unter euch! Der hl. Paulus sagt: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22 f.).
So erlebe ich heute erneut den neuen synodalen Wert – einen Wert der Gnade – des Gesprächs im Heiligen Geist, das uns hierherführt, zur Freude brüderlicher Begegnung – das heißt des Zuhörens und des Austauschs – einer lebendigen und aktiven Kirche in einem spezifischen geografischen, politischen, sozialen und kirchlichen Kontext, und zwar in Deutschland selbst. Auf diese Weise nehme ich die kontextuellen und missionarischen Dimensionen der Ortskirchen in Deutschland wahr und spüre sie, ihre Präsenz in der Geschichte und in der Welt als konkretes Heilssakrament (vgl. LG 1).
Eine Synode abzuhalten, bedeutet genau das: die tiefste Dimension des Geheimnisses der Kirche erfahren zu können, nämlich jene Verbindung in ihr zwischen Gemeinschaft und Verbundenheit. Die Synode hat sich dafür entschieden, die Synodalität als den wirksamen Ausdruck der Gemeinschaft innerhalb und für alle Gemeinschaften, für alle Ortskirchen zu betrachten. Es kann keine Weltkirche ohne die Ortskirchen geben, und es gibt keine Ortskirche ohne die Weltkirche. Der synodale Prozess bekräftigt dies nachdrücklich.
Heute bringe ich auch die Nähe und den Segen des Petrus, des Heiligen Vaters Papst Leo XIV., mit. Im Hinhören auf das Wort Gottes, insbesondere auf 1 Kor 12,12 – „Denn wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus“ – erneuert er mit euch und für euch sein uneingeschränktes Engagement für Einheit und Gemeinschaft, seinen petrinischen Dienst an der ganzen Kirche, damit in der Vielfalt der Charismen und Dienste, in der facettenreichen Kreativität des Geistes, in den unterschiedlichen Kontexten der Evangelisierung, in der Notwendigkeit der Prophezeiung vom Reich Gottes unter uns hier und jetzt die eine Kirche für alle ein Sakrament der Einheit der ganzen Menschheit sein möge.
Ich bin mir jedoch bewusst, dass ihr alle – Papst Franziskus würde nachdrücklich sagen: „alle, alle, alle!“ – auch ein Wort von mir erwartet, eine Reflexion, vielleicht einen Vorschlag, um zu sehen, ob dies im Einklang oder im Widerspruch zu dem synodalen Prozess steht, den ihr als deutsche Kirche initiiert habt und weiterführt: den Synodalen Weg.
Erlaubt mir also, meinen Beitrag anhand einer musikalischen Metapher zu erläutern: Ich bin hier, um in den Beziehungen, die im Namen des Auferstandenen gelebt werden, seine Wiederkunft unter uns, sein Sprechen als das Wort und seine Selbsthingabe als der Weg zu erkennen; so bin ich hier als Zeichen jenes synodalen Prozesses, der die ganze Kirche betrifft, und somit als eine einfache synodale Note.
„Die Kirche ist katholisch, weil sie das ‚Haus der Harmonie‘ ist, in dem Einheit und Vielfalt sich zu vereinen wissen, um zu einer großen Quelle des Reichtums zu werden. Denken wir an das Bild einer Symphonie, das Einklang, Harmonie und das Zusammenspiel verschiedener Instrumente impliziert. Jedes bewahrt sein unverwechselbares Timbre, und die charakteristischen Klänge jedes Einzelnen verschmelzen zu einem gemeinsamen Thema. Dann gibt es denjenigen, der das Ganze leitet, den Dirigenten, und während die Symphonie aufgeführt wird, spielen alle in ‚Harmonie‘ zusammen, doch das Timbre jedes einzelnen Instruments geht dabei nie unter; vielmehr wird die Einzigartigkeit jedes einzelnen Instruments noch verstärkt! Es ist ein schönes Bild, das uns sagt, dass die Kirche wie ein großes Orchester ist, in dem große Vielfalt herrscht.“(3))
Und wie ist dieses Orchester so aufgestellt, dass die Symphonie selbst – also die Gemeinschaft – in ihrer ganzen Schönheit und in ihrem Verständnis von Einheit und Verschiedenheit zum Vorschein kommen kann? Papst Franziskus erklärt dazu: „In einer synodalen Kirche ist die Bischofssynode nur der offensichtlichste Ausdruck einer Dynamik der Gemeinschaft, die alle kirchlichen Entscheidungen inspiriert. Die erste Ebene der Ausübung der Synodalität findet in den Teilkirchen statt. […] Die zweite Ebene ist die der Kirchenprovinzen und Kirchenregionen, der Teilkonzilien und in besonderer Weise der Bischofskonferenzen. […] Die letzte Ebene ist die der Weltkirche. Hier wird die Bischofssynode, die das katholische Episkopat vertritt, zum Ausdruck der bischöflichen Kollegialität innerhalb einer durch und durch synodalen Kirche.“(4)
Synodalität, als Symphonie der Gemeinschaft, wird zu einem theologischen Ort, an dem man eine Art geistliches absolutes Gehör erlebt: jene Fähigkeit, die der Heilige Geist der Kirche schenkt, den in den Beziehungen wahrhaft gegenwärtigen Christus aufzunehmen und ihn in seiner Selbstoffenbarung als das Wort in den Gesprächen im Heiligen Geist zu erkennen. Er ist der Weg. Was eine Synode also ausmacht, ist nicht ihre Unfehlbarkeit, sondern die wirksame Gegenwart Christi und seines Geistes und die Art und Weise, wie diese in der Symphonie, in der Harmonie unter den Personen zum Vorschein kommt. Wir müssen uns diese Wieder-Darstellung Christi in einer versammelten Gemeinschaft („inmitten“, in den Beziehungen) stets vor Augen halten. Was der Geist schafft, ist nicht die Summe der Meinungen, sondern Harmonie, Symphonie. Es ist nicht einfach die Abstimmung, die eine Mehrheit innerhalb einer Synode schafft. Die tiefste Bedeutung der Beratung liegt gerade darin, dem Heiligen Geist zu erlauben, in den wechselseitigen Beziehungen zu wirken.
Ich bin genau aus diesem Grund hier: um gemeinsam mit euch die synodale Aufgabe der Intonation der Instrumente zu übernehmen. Die Symphonie, die Harmonie, die Gemeinschaft als symphonisches Werk entsteht gerade durch diese ständige Entscheidung, zusammenzuspielen, alle auf denselben Ton gestimmt zu bleiben. Dann interpretiert jedes Instrument seine eigene Partitur und trägt Reichtum und Schönheit zu der einen symphonischen Komposition bei. Das bedeutet, keine Angst vor Unterschieden zu haben und sie, anstatt sie zu Ursachen für Konflikte und Gegensätze zu machen, zu einem Anlass für Unterscheidung, für gegenseitiges Zuhören, für den gemeinsamen Wunsch zu machen, dem Auferstandenen zu folgen und die Zeichen der Zeit zu erkennen. Alle, alle, alle Jünger des Auferstandenen.
Die aktiven Verben, die dieses orchestrale, synodale Arrangement begleiten – entsprechend einer angemessenen Verteilung von Instrumenten und Stimmen, das heißt der kirchlichen Mitwirkung –, sind genau: sammeln, interpretieren, orientieren und feiern, und so den Reichtum und die Vielfalt der Gaben und Dienste teilen, die der synodale Prozess in den Kirchen zur Reife gebracht hat.
Handlungsverben, die in der Lage sind, sowohl das Subjekt, von dem der gesamte synodale Prozess ausgegangen ist – das Volk Gottes, das befragt und angehört wurde, als Subjekt des sensus fidei –, als auch die Verantwortung für den synodalen Prozess in Einklang zu bringen; die Zirkularität zwischen der prophetischen Rolle des Volkes Gottes und der Rolle der Unterscheidung der Hirten, die die Grundlage für eine wirksame Ausübung der Synodalität als gegenseitiges Zuhören bildet, das heißt den sensus ecclesiae.
„Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten.“(5)
In dieser gemeinsamen synodalen Übung möchte ich euch drei Appelle zur Brüderlichkeit anvertrauen, die im Schlussdokument der Synode enthalten sind.
Der erste betrifft den Wunsch, untereinander jene authentischen und bedeutungsvollen Beziehungen zu leben, die fähig sind, Christus zu repräsentieren. Beziehungen also, die nicht bloß das Streben nach Zugehörigkeit zu einer geschlossenen und zusammenhängenden Gruppe zum Ausdruck bringen, sondern vielmehr einem tieferen Glaubensbewusstsein entsprechen, das nicht nur ein Gefühl der Zugehörigkeit, sondern auch der Teilhabe beinhaltet: „Die evangeliumsgemäße Qualität von Beziehungen in einer Gemeinschaft ist entscheidend für das Zeugnis, das das Volk Gottes in der Geschichte ablegen soll. ,Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt‘ (Joh 13,35). Das beredtste Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes in der Gemeinschaft der Jünger ist die Einladung zur Beziehung zu den Bedürftigsten, die aus einer Erneuerung der Gnade hervorgeht und mit der Lehre Jesu übereinstimmt. Um eine synodale Kirche zu sein, müssen wir uns einer echten beziehungsorientierten Bekehrung öffnen.“(6)
Der zweite Aufruf zur Brüderlichkeit entspringt der wunderschönen Lehre des Johannes über die Freiheit, die durch die Wahrheit geschenkt wird. Wir alle – wirklich alle – sind durch die Wahrheit, die Christus ist, befreit worden (vgl. Joh 8,32). Es ist eine Freiheit im Heiligen Geist, die in der Lage ist, in unseren eigenen Lebenskontexten fruchtbar und prophetisch zu wirken, das heißt, ein Zeichen der Hoffnung zu sein (nicht bloß ein Zeichen – sondern ein Zeichen in Beziehungen). „Jede und jeder Getaufte, Mann oder Frau, antwortet auf Anforderungen der Sendung in den Kontexten, in denen sie oder er lebt und arbeitet, entsprechend ihrer und seiner Veranlagung und ihrer und seinen Fähigkeiten. Dies zeigt die Freiheit des Geistes bei der Verleihung der Gaben Gottes. Aufgrund dieser Dynamik im Geist entdeckt das Volk Gottes, indem es auf die Wirklichkeit hört, in der es lebt, neue Formen des Engagements und neue Wege, um seine Mission zu erfüllen.“(7)
Schließlich der dritte Aufruf, der eng mit diesen Jahren synodaler Prozesse und den Kämpfen und Missverständnissen verbunden ist, die sie durchstehen mussten, um Früchte zu tragen. Mit anderen Worten: Es geht um die Notwendigkeit, dass alle – wirklich alle – in dem Bewusstsein reifen, dass das synodale Ziel der kirchlichen Unterscheidung nicht darin besteht, durch Mehrheitskonsens ein politisches Ergebnis zu erzielen, sondern vielmehr gemeinsam zu suchen und zu erkennen, was der Heilige Geist der Braut des Sohnes, der Kirche, weiterhin sagt. „Die kirchliche Unterscheidung ist keine organisatorische Technik, sondern eine spirituelle Praxis, die auf einem lebendigen Glauben beruht. Sie erfordert innere Freiheit, Demut, Gebet, gegenseitiges Vertrauen, Offenheit für Neues und Hingabe an den Willen Gottes. Sie ist nie nur die Bestätigung des eigenen persönlichen Standpunktes oder des Standpunktes einer Gruppe oder eine Zusammenfassung unterschiedlicher individueller Meinungen. Jeder Mensch, der aus seinem Gewissen heraus spricht, öffnet sich dem, was die anderen aus ihrem Gewissen heraus teilen. So versuchen sie gemeinsam zu erkennen, ,was der Geist den Gemeinden sagt‘ (Offb 2,7).“(8)
Ich schließe mit zwei maltesischen Sprichwörtern, die vom synodalen Geist durchdrungen und in der Tiefe der Beziehungen verwurzelt sind: „Id waħda ma tħabbatx“, was bedeutet: „Eine Hand allein klatscht nicht.“ Wir müssen weiterhin gemeinsam voranschreiten. Und das andere: „Ħaga mibdula, m'hijiex mitlufa“, was bedeutet: „Was sich verändert hat, ist nicht verloren.“ Die wahre Stärke synodaler Handlungen liegt darin, sie als den wirksamen, praktischen Ausdruck der Gemeinschaft zu verstehen.
(1) „Concordissima fidei conspiratio“, Augustinus: Epistula 194,31.
(2) Papst Franziskus: XVI. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode. Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung. Schlussdokument (26. Oktober 2024), Nr. 50: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 244 (Bonn 2024), S. 41 f. (im Weiteren zit. als Abschlussdokument).
(3) Papst Franziskus: Generalaudienz (9. Oktober 2013).
(4) Papst Franziskus: Ansprache während der Gedenkfeier zum 50-jährigen Bestehen der Errichtung der Bischofssynode (15. September 2015).
(5) Papst Franziskus: Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland (29. Juni 2019), Nr. 9: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 220 (Bonn 2019), S. 18 f.
(6) Abschlussdokument, Nr. 50: a. a. O., S. 42.
(7) Abschlussdokument, Nr. 58: a. a. O., S. 47.
(8) Abschlussdokument, Nr. 82: a. a. O., S. 66.
