| Aktuelle Meldung | Nr. 005
Predigt von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch anlässlich der Osternacht im Münster Unserer Lieben Frau, Freiburg
Liebe Schwestern, liebe Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!
I.
Vor uns steht sie, die Osterkerze, das zentrale Symbol unserer Feier in der Osternacht. Wir haben sie am Osterfeuer draußen vor dem Münster entzündet und in feierlicher Prozession in den Altarraum getragen. Im Exsultet hat der Diakon die Osterkerze jubelnd besungen. Sie steht für Christus, der auferstanden ist; sie steht für das Licht, das Ostern für uns bedeutet. Wir haben sie in die dunkle Kirche getragen und mit jedem Ruf des „Lumen Christi“ das Licht dieser Kerze unter uns weitergegeben. Die Dunkelheit ist überwunden. Das österliche Licht ist unter uns. In diesem Licht ist die Geschichte unseres Heils, die Erinnerungen an die Rettung durch Gottes Eingreifen, in uns neu lebendig geworden.
Die Liturgie dieser Nacht, die Vielen von uns so gut vertraut ist, vermittelt eindrucksvoll, was wir im Evangelium gehört haben, was die Jünger erfahren haben und was auch uns existentiell betrifft: Qualvoll ist Jesus Christus am Kreuz gestorben. Doch er fiel nicht ins Nichts, sondern wurde umfangen von der Liebe des Vaters. Gott erweckt seinen Sohn zum Leben, er schenkt uns eine Hoffnung, die stärker ist als alle Angst, er entzündet das Licht, das nie mehr erlischt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).
Die Worte Jesu werden Wirklichkeit durch seine Auferweckung. Er war, ist und bleibt der Immanuel, der „Gott mit uns“. Nichts kann uns von ihm trennen. Aus dem Stern über dem Stall von Bethlehem wird in der Osternacht das Licht der ganzen Welt, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht. Unsere Welt wird hell! Jesus Christus überwindet durch seine Liebe den Tod; er erleuchtet jeden Winkel dieser Welt; selbst die Welt des Todes ist nicht mehr finster – wo Licht hereinstrahlt, weicht die Dunkelheit.
Unsere Welt ist nicht mehr schwarz und nicht grau. Sie ist licht. Die Angst, die aus der Finsternis kommt, hat kein Fundament mehr. Der Würgegriff des Todes ist gelöst durch Jesu Erlösungstat am Kreuz. Und wir sind „getauft auf seinen Tod“ (Röm 6,3), und mit ihm auferweckt, um in seinem Licht, im Licht von Ostern, zu leben. Damit ist der Tod zwar nicht weggewischt, das Dunkel nicht einfach beseitigt. Doch der Tod ist durchbrochen; er ist überwunden, das Dunkel vom Licht durchdrungen. Über dem Tod und der Nacht des Karfreitags ging die Ostersonne auf. In ihrem Licht sehen wir alles neu. In ihrem Licht leuchtet uns die große Verheißung des Evangeliums: Wir sind erlöst. Der Tod ist nicht das Letzte, der Tod ist nicht das Ende unseres Lebens, unserer Beziehungen, unserer Liebe. Der Tod ist Durchgang geworden. Unser Leben hat einen Sinn. Wir haben ein Ziel, das über diese Welt hinausreicht und alles Dunkel aufbricht – zu Gott hin.
II.
Es ist die grenzenlose Trauer über den Tod des erwarteten Erlösers und geliebten Meisters, liebe Schwestern, liebe Brüder, die die Frauen, wie wir im Evangelium gehört haben, vor Tagesanbruch zum Grab Jesu treibt. Um sie ist es dunkel, in ihrem Innern herrscht Finsternis: „Sie sehen schwarz“. Der, auf den sie ihr Leben gebaut haben, ist tot. Ihre Wünsche, Hoffnungen, ihr Glaube, werden verschluckt vom Dunkel des Nichts. Am Grab aber kommt ihnen ein Licht entgegen. Ein Engel, wie sie noch nie einen gesehen haben.
Dieser Engel hat für sie eine ungeheure Botschaft: „Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden. Er ist nicht hier.“
Was Jesus ihnen vor seinem Tod gesagt hatte, was sie nicht mehr zu hoffen wagten, ist Wirklichkeit: Er lebt!
In ihrer Trauer und Niedergeschlagenheit fällt es den Frauen schwer, das zu begreifen, die Freude darüber in ihr Herz zu lassen. Doch der Engel gibt ihnen den Hinweis, wo sie ihm begegnen, ihn sehen werden: „Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat“ (Mk 16,7). Das Licht des Auferstandenen gilt der ganzen Welt. Er selbst bricht auf; er geht ihnen voraus nach Galiläa; dorthin, wo der Aufbruch, die Verkündigung begann und sie seinen Ruf gehört haben. Wo sie leben, in ihrem Alltag, wird er ihnen begegnen. Dort soll das Licht des Auferstandenen aufscheinen und sie und ihr Leben verändern.
Und das Große geschieht: Aus den verschüchterten Jüngern werden Zeugen. Die vom Licht ergriffen sind, geben es weiter. Sie wagen den Aufbruch in die ganze Welt, erfasst vom Licht von Ostern.
Unsere Welt braucht dieses Licht. Wir wissen um die vielen Dunkelheiten, um Bedrängnisse, um die Gottferne und Gottvergessenheit so vieler Menschen. Doch wir wissen auch um die Sehnsucht nach Leben und gelingendem Leben, die in uns lebt; um die Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Geborgenheit. Ostern ist die Botschaft, die unsere Welt verwandelt. Auch „wer an Jesus glaubt,“ so sagte es uns Papst Benedikt bei der Jugendvigil im vergangenen September hier in Freiburg, „hat sicherlich nicht immer Sonnenschein im Leben, so als ob ihm Leiden und Schwierigkeiten erspart bleiben könnten; aber es gibt da immer einen hellen Schein, der ihm einen Weg zeigt, den Weg, der zum Leben in Fülle führt (vgl. Joh 10,10). Wer an Christus glaubt, dessen Augen sehen auch in der dunkelsten Nacht ein Licht und sehen schon das Leuchten eines neuen Tages.“
Ostern entzündet dieses Licht. Von Jesus Christus geht eine durch die Jahrhunderte anwachsende Lichtspur aus. Das verändert mich! Das schenkt mir eine Perspektive! Das Leben ist nicht schwarz oder grau, sondern hell! Das Licht, das von Ostern ausgeht, ist das milde und warme Licht der Liebe. Ein Licht, das uns von innen her erhellt und das auch dann strahlt, wenn es äußerlich dunkel zu sein scheint.
III.
Die Frauen und die Jünger, liebe Schwestern und Brüder, können es kaum begreifen, dass Jesus auferstanden ist und lebt. Denn damit verändert sich alles – für sie und für uns. Der Osterglaube fordert heraus, ist Zu-Mutung, Zumutung, die Leben bedeutet. Wer sich darauf einlässt, wer im Glauben Halt findet, der wird erleben, wie sich sein Leben verändert. Wer erfahren hat, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass Gott sich uns als seinen Kindern zuwendet – der kann selbst zum Licht werden, das andere aufmerken lässt. Dieses Licht ist Geschenk. Wir empfangen es in der Taufe, empfangen es für unser Leben. Freja Legler, unser Täufling, die wir heute in die Gemeinschaft des Glaubens aufnehmen werden, darf in diesem Licht wachsen in Glaube, Hoffnung und Liebe und erfahren, dass es über ihrem Lebensweg steht und ihn hell macht. Nichts ist mehr, wie es war; die Taufe schenkt Leben und Licht.
Liebe Schwestern und Brüder, ja, nach Ostern ist nichts mehr, wie es vorher war. Ostern macht die dunkle Welt hell. Ostern setzt eine Energie frei, die selbst die schwärzeste Finsternis durchdringt. Kraft und Hoffnung schöpfen wir Christen aus Ostern! Denn was an dem Sohn Gottes geschah, wird sich auch an uns ereignen: wir werden aus dem Tod heraus ins Licht gehen. Die Lichtspur, die Jesus legte, geht durch unsere Welt. Das Gute besiegt das Böse und das Licht erhellt, ja, verwandelt die Welt! Wie wir das Licht heute Abend weitergegeben, eine kleine Flamme an der anderen entzündet haben, bis die ganze Kirche hell war, so dürfen wir dieses Licht in die ganze Welt tragen. Gott hat mit der Auferweckung Jesu einen neuen Anfang gesetzt. Die neue Schöpfung hat begonnen. Die alten Regeln gelten nicht mehr. „So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus“ (Röm 6,11).
Jesus Christus, der Anführer des Lebens, ist uns Wegbegleiter – Tag für Tag. Durch sein helles und zugleich zartes Licht; durch jedes liebe Wort, durch jedes Lächeln können wir es weitergeben. Durch einen ersten Schritt, wo die Fronten verhärtet schienen; durch ein warmes Herz, wo Menschen alleine sind; oder wo ich meinem Nachbarn erzähle, was der Glaube mir bedeutet, und wo ich ihn in meinem Glauben mitglauben lasse – da wird Licht in unserem Alltag, Licht von Ostern. Da führt Christus in unserer Welt die Lichtspur, die er an Ostern angestoßen hat, fort! Da werden wir erfahren, was wir im Exsultet gehört haben: „Wenn auch das Licht der kostbaren Osterkerze sich in die Runde verteilt hat, so verlor es doch nichts von der Kraft seines Glanzes.“ Im Gegenteil: Jesus Christus strahlt aus, wenn wir ihn weitergeben. Und er ist bei uns, wenn wir ihm nachfolgen. Wandeln wir in seinem Licht!
Amen.
