Impuls Medien

Dr. Martin Ostermann

Geschäftsführer Katholisches Filmwerk GmbH (kfw)

10 Jahre Laudato si’ und die Verantwortung der Medien

Die Enzyklika Laudato si’ zählt zu den bedeutendsten sozial- und umweltpolitischen Texten des 21. Jahrhunderts. Diese Enzyklika adressiert die drängenden Herausforderungen des globalen Klimawandels, der Umweltzerstörung und der sozialen Ungleichheit und fordert eine ethische und nachhaltige Verantwortung gegenüber der Erde und allen Lebewesen.

Eine der zentralen Thesen von Laudato si’ ist, dass die Krise der Umwelt nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eng mit der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit verwoben ist. Papst Franziskus argumentiert, dass die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch eine wirtschaftliche Logik der Profitorientierung und der Konsumsteigerung eng mit einem Defizit an verantwortungsvoller Kommunikation verbunden ist.

Der Begriff, der am häufigsten auftaucht, ist „Technik“, vor allem im Sinne von „Technokratie“ verstanden. Prägend für die Perspektive auf Technik ist eine Machtkritik. Die Machtfrage wird in Bezug auf die Auswirkungen des weltweiten Wirtschafts- und Finanzsystems sehr deutlich angesprochen.

Aus medienethischer Perspektive muss Konzentration von Macht immer kritisch begleitet werden, sodass Fehlentwicklungen öffentlich wahrgenommen und ggfs. auch revidiert werden können. Papst Franziskus hat mit der Kritik am „technokratischen Paradigma“ (Laudate Deum) eine ethische Haltung formuliert, die mit und durch Medien Resonanz finden muss. Medien als Vermittler sowohl von Information als auch von Emotion haben eine zentrale Verantwortung, die Wahrheitsfindung zu fördern, die Öffentlichkeit aufzuklären und die Dringlichkeit des Handelns zu unterstreichen. Dies geschieht durch eine fundierte, gut recherchierte und ausgewogene Berichterstattung über die neuesten naturwissenschaftlichen und soziologischen Erkenntnisse. Dies geschieht aber gleichermaßen durch faktenbasierte Geschichten – seien sie dokumentarischer oder fiktionaler Natur – über Personen, Projekte und Ereignisse, die uns dazu befähigen, selbst eine ethisch verantwortete Haltung einzunehmen. So gibt Papst Franziskus zu bedenken, dass „das enorme technologische Wachstum […] nicht mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher [ging]“ (LS 105), Laudato si’ ist ein Angebot zum Dialog. Es brauche „ein Gespräch“ über „die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten“ (LS 14). Nicht mehr eine Religion, ein Staat oder eine internationale Organisation kann die Probleme der Welt lösen. Es geht nur in der Kooperation aller. Der Papst richtet sich an jeden Menschen guten Willens, unabhängig von Religion und Weltanschauung (LS 3). Gerade der jüngeren Generation sollte bei den Themen Klimawandel und soziale Gerechtigkeit größere Aufmerksamkeit geschenkt werden – auch mediale Aufmerksamkeit.

Medientipp 1

Die generationenübergreifende Verantwortung wahrnehmen:

Medientipp: „Nur ein Kind“ (Schweiz 2020, Regie: Simone Giampaolo, 7 Min.) – Ein Appell aus dem Jahr 1992 (Rio)

Beruhend auf dem Umweltappell der 12-jährigen Severn Cullis-Suzuki auf dem UNO-Gipfel in Rio 1992 wurde mit diesem Kurzfilm ein visuelles Gedicht gestaltet, das 20 Trickfilmregisseurinnen und -regisseure schufen, um Severens kraftvollem Aufruf Form und Farbe zu verleihen. 

Ein weiterer medienethischer Aspekt von Laudato si’ betrifft den Dialog zwischen Wissenschaft, Medien und Gesellschaft

Es stellt sich die Frage, wie wissenschaftliche Ergebnisse und Prognosen in und durch Medien nicht nur korrekt, sondern auch verständlich und relevant für eine breite Öffentlichkeit von Jung bis Alt aufbereitet werden können. Medien müssen sicherstellen, dass wissenschaftliche Stimmen, die auf die Dringlichkeit des Handelns hinweisen, gehört werden und dass die Öffentlichkeit über die neuesten Erkenntnisse informiert ist, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Damit diese Entscheidungen Relevanz für die Gestaltung des Alltagslebens haben, müssen Informationen und Zusammenhänge über Klimawandel, soziale Ungleichheit und wirtschaftliche Fehlentwicklungen, die zuerst einmal abstrakt und in nur geringem Maße als beeinflussbar erscheinen, in konkrete Ereignisse und individuell zu beurteilende Phänomene übersetzt werden. Ein Beispiel für eine solche Übersetzungsleistung ist die seit vielen Jahren existierende Berichterstattung über Plastikproduktion und die damit einhergehende stetig zunehmende Verschmutzung der Weltmeere. In Form von Mikroplastik gelangen dann schädliche Stoffe in den Nahrungskreislauf. Als Konsumentin und Konsument kann ich durchaus Einfluss auf diese Kreisläufe nehmen. Entscheidend sind das Vorliegen gesicherter Informationen, die Auseinandersetzung und die Ausbildung einer (neuen) Grundhaltung, aus der wiederum eigenes Handeln folgt.

Medientipp 2

Die eigene Rolle im Gesamt der natürlichen Zusammenhänge besser verstehen:

  • Medientipp: „Plastic Fantastic” (D 2023, Regie: Isa Willinger, 101 Min.)
  • Medientipp: „The Beauty” (D 2019, Regie: Pascal Schelbli, 5 Min.)

Beide Filme setzen sich mit der weltweiten Verschmutzung durch eine Plastik-Überproduktion auseinander und versuchen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass durch das eigene Konsumverhalten auch Einfluss auf die Kunststoffindustrie genommen werden kann. 

In einer Zeit von fragmentierter Kommunikation und Algorithmen, die Inhalte maßgeschneidert an individuelle Vorlieben anpassen, ist die Gefahr, dass klimaskeptische oder umweltverharmlosende Narrative durch Algorithmen verstärkt und verbreitet werden, besonders hoch. Diese Narrative müssen dekonstruiert und durch faktenbasierte Narrative über die tatsächlichen Zusammenhänge überwunden und ersetzt werden. Es sind gerade diejenigen, die nicht über Meinungs- oder Finanzmacht verfügen, welche im besonderen Maße Leidtragende aktueller Entwicklungen sind.

„So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder.“ (LS 25)

Armut kann eine Folge von sozialer Ungleichheit und auch von den zerstörerischen Auswirkungen des Klimawandels sein. Daher dürfen durch einseitige mediale Darstellung die Belastungen (auch durch die Migration) nicht allein den Opfern des Systems aufgebürdet werden. Ursache und Wirkung müssen klar benannt sowie Zusammenhänge transparent dargestellt werden. Medien können hier wichtige Differenzierungen leisten.

Medientipp 3

„Alles ist miteinander verbunden“ und „niemand rettet sich allein“ (LD 19):

Medientipp: „Migranten“ (Frankreich 2020, Regie: Hugo Caby, Antoine Dupriez, Aubin Kubiak, Lucas Lermytte, Zoé Devise, 8 Min.)

In Form einer Fabel und ohne zu verharmlosen verbindet der Kurzfilm zwei zentrale Themen unserer Gegenwart: Migration und Klimawandel.
 

„Die Umwelterziehung hat ihre Ziele erweitert. Wenn sie anfangs die wissenschaftliche Information sowie die Bewusstmachung und Vermeidung von Umweltgefahren sehr in den Mittelpunkt stellte, neigt sie jetzt dazu, eine Kritik an den auf der instrumentellen Vernunft beruhenden ‚Mythen‘ der Moderne (Individualismus, undefinierter Fortschritt, Konkurrenz, Konsumismus, regelloser Markt) einzuschließen […].“ (LS 210)

Das zehnjährige Jubiläum der Enzyklika ist ein angemessener Anlass, die öffentliche Kommunikation über Umweltthemen kritisch zu reflektieren und weiterhin Wege zu finden, die nach wie vor aktuelle Botschaft von Laudato si’ effektiv zu vermitteln.

Medientipp 4

Das Bündnis zwischen Menschheit und Umwelt erneuern:

Medientipp: „Dear Future Children“ (D/GB/Ö 2021, Regie: Franz Böhm, 89 Min.)

Ein Porträt dreier junger Frauen auf drei verschiedenen Kontinenten, die trotz großer Rückschläge weiter für Klimaschutz, für mehr soziale Gerechtigkeit und für Demokratie kämpfen. Für ihre und unsere zukünftigen Kinder.