Theologisch-sozialethischer Impuls

Weihbischof Rolf Lohmann

Vorsitzender der Arbeitsgruppe für ökologische Fragen der Deutschen Bischofskonferenz

2025 feiern wir das zehnjährige Jubiläum der päpstlichen Sozial- und Umweltenzyklika Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Papst Franziskus hat 2015 unüberhörbar die Stimme für den Klima- und Umweltschutz erhoben und auf die dramatischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen hingewiesen, die der Klimawandel und die Umweltverschmutzung haben.

Zehn Jahre nach ihrer Veröffentlichung steht uns der prophetische Charakter von Laudato si’ deutlich vor Augen. Die von Papst Franziskus skizzierten Folgen des Klimawandels und ihre Auswirkungen auf die Weltgemeinschaft sind bedrückende Realität: 2024 betrug die globale Durchschnittstemperatur zum ersten Mal 1,5 Grad mehr als im vorindustriellen Durchschnitt. 

Dabei hatten sich die politisch Verantwortlichen im Pariser Klimaabkommen 2015, auch dank der päpstlichen Enzyklika, darauf geeinigt, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf unter 2 Grad, am besten sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn wir aber die gegenwärtige Lage betrachten, stellen wir fest, dass zu wenig für die Bewahrung der Schöpfung getan wird. 

Die Temperaturen steigen und Hitzewellen, Flutkatastrophen und Dürreschäden häufen sich. Das hat konkrete Folgen für die Natur, aber auch für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft – nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt. Denn wenn beispielsweise die natürlichen Grundlagen für die Herstellung von Lebensmitteln nicht mehr gegeben sind oder die Industrie ihre Rohstoffe nicht mehr bekommt, weil ausgetrocknete Flüsse Schifffahrt unmöglich machen, wird das Leben teurer. Darunter leiden die Verletzlichsten der Weltgemeinschaft am meisten. Sie leben heute schon unter prekären Bedingungen und tragen selbst kaum zum Ausstoß von Treibhausgasen bei. Über kurz oder lang aber sind wir alle betroffen. 
Klima- und Umweltschutz ist also kein Luxusproblem, um das wir uns kümmern können, wenn alles andere erledigt ist. Wir müssen verstehen, dass alles mit allem zusammenhängt. Daher sind „die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden“, wie Papst Franziskus es formuliert hat (LS 10).

Trotz dieser bedrohlichen Situation geht es nicht um Schuldzuweisungen. Nur den moralischen Zeigefinger zu heben, führt nicht weiter. Bevormunden zu wollen, schadet mehr, als dass es hilft. Stattdessen müssen Anreize geschaffen, vorbildliche Projekte aufgezeigt und Menschen begeistert werden, damit jede und jeder das tut, was für ihn oder sie möglich ist.

Zur Schöpfungsbewahrung aufzurufen, mag naiv wirken. Angesichts der enormen Aufgaben kann man sich die Frage stellen: Ist nicht allein die internationale Politik zu ausreichenden Maßnahmen fähig? Die Antwort lautet: Nein! Wir alle können etwas tun, und zwar in dem für uns zur Verfügung stehenden Rahmen und den uns gegebenen Möglichkeiten. Das ist mit dem abstrakt klingenden Begriff „Subsidiarität“ aus der katholischen Soziallehre gemeint. Politisch Verantwortliche müssen auf internationaler Ebene ehrgeizige Rahmenbedingungen schaffen. Unternehmen können zum Vorbild werden, indem sie zeigen, dass wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit zwei Seiten derselben Medaille sind. Jede und jeder Einzelne kann sich mit den Fakten vertraut machen und im Alltag eigenverantwortlich tätig werden. Denn wir können nicht nur auf technische Lösungen in der Zukunft hoffen, sondern müssen uns fragen, wie wir selbst zur Krisenbewältigung beitragen können. Das ist nicht nur angenehm. Oft müssen alte Gewohnheiten hinterfragt werden. Auch wir in der Kirche erleben, dass es anstrengend und teuer sein kann, Maßnahmen für den Klima- und Umweltschutz umzusetzen. Aber wir dürfen nicht nachlassen. Wenn wir möchten, dass noch unsere Kinder und Kindeskinder weltweit funktionierende Lebensgrundlagen vorfinden, müssen wir zusammen anpacken. Nur gemeinsam lässt sich ein solcher Kraftakt bewältigen.

Gerade uns Christinnen und Christen kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. Denn wir verstehen die Bewahrung der Schöpfung als göttlichen Auftrag. In der ersten biblischen Schöpfungserzählung überträgt Gott den Menschen die „Herrschaft“ über seine Schöpfung: „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ (Gen 1,28). Zu lange wurde dies als Einladung verstanden, sich an der Natur zu bereichern, sie auszubeuten und sie als reines Mittel zum Zweck zu sehen. Dabei geht es gerade nicht um eine „absolute Herrschaft über die anderen Geschöpfe“ (LS 67). Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika erklärt, dass es um ein Herrschen geht, das „‚hüten‘ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint ist. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein“ (LS 67). In der Theologie ist klar, dass der Mensch ein Teil von Gottes Schöpfung ist. Diese Verbindung von Mensch und Natur ist auch naturwissenschaftlich mittlerweile gut erforscht. Wenn wir die Umwelt ausbeuten und zerstören, sägen wir an jenem Ast, auf dem wir selbst sitzen. Das heißt: Auch um unserer selbst willen und zugunsten unserer Mitmenschen und Nachfahren haben wir ein Interesse daran, die Grundlagen menschlichen Lebens zu erhalten. 

Daran arbeiten bereits heute viele Menschen tagtäglich sehr erfolgreich. Das gibt uns Anlass zur Hoffnung. Gemeinsam mit Papst Franziskus möchte ich „allen, die in den verschiedensten Bereichen menschlichen Handelns daran arbeiten, den Schutz des Hauses, das wir miteinander teilen, zu gewährleisten, meine Anerkennung, meine Ermutigung und meinen Dank aussprechen“ (LS 13). Sie werden zum Vorbild für Mitmenschen. Lassen Sie uns zusammen tätig werden. Der Klima- und Umweltschutz ist eine Frage globaler und intergenerationeller Solidarität. Wir alle sind aufgerufen, in Fürsorge für unsere Nächsten und unsere Umwelt zu handeln. Denn die Zukunft der Schöpfung und die Zukunft der Menschheit sind miteinander verbunden. Fragen wir uns also gemeinsam, wie wir in Zukunft leben wollen. Überlegen wir mit Papst Franziskus: „Wozu gehen wir durch diese Welt, wozu sind wir in dieses Leben gekommen, wozu arbeiten wir und mühen uns ab, wozu braucht uns diese Erde?“ (LS 160). Klar ist, jede und jeder Einzelne ist gefragt. Jeder Mensch kann einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung unserer Umwelt und unserer Gesellschaft leisten. Das nimmt uns unsere Sorgen vor der Machtlosigkeit. Das macht uns Mut! So möchte ich enden mit einem Aufruf von Papst Franziskus: „Gehen wir singend voran! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen“ (LS 244).